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Rede von Christoph Andreas Leicht, Präses der IHK zu Lübeck (Dokument-Nr.: 80727)
SCHLESWIG-HOLSTEIN 2030
Präses Leicht: Aufbruch im Norden
Schleswig-Holstein steht vor einem gewaltigen Umbruch. Mit dem Bau der festen Fehmarnbelt-Querung schließt sich der Ring zwischen der Öresund-Region und der Metropolregion Hamburg, und Schleswig-Holstein rückt in das Zentrum des dann größten nordeuropäischen Wirtschaftsraumes.
"Dazu bedarf es vor allem einer Aufbruchstimmung in der Gesellschaft", betonte Leicht. Auch der Botschafter Dänemarks und der deutsche Botschafter in Kopenhagen sprachen in der Lübecker Musik- und Kongresshalle (MuK) zu den mehr als 1.700 Gästen.
Unter dem Motto: "Aufbruch 2030 – Unserer Region gehört die Zukunft" richtete Präses Leicht das Wort an die Gäste aus Wirtschaft, Wissenschaft, Politik und Verwaltung, unter ihnen Schleswig-Holsteins Ministerpräsident Peter Harry Carstensen, Innenminister Klaus Schlie und Finanzminister Rainer Wiegard. Leicht betonte, dass die öffentliche Hand zwar über die bisher höchsten Einnahmen verfüge, die Überschuldung der Bundesländer aber zur Handlungsunfähigkeit des Staates führe. Es handele sich aber nicht um ein Problem der Erkenntnis, sondern um eins der Umsetzung. "Wir benötigen nachhaltige, das Ganze betrachtende Reformwerke, die es auch gegen Einzelinteressen durchzusetzen gilt", sagte der Präses.
Die Wirtschaft sei bereit zu handeln. "Wir haben in Schleswig-Holstein einen Prozess angestoßen, eine Strategie für das Jahr 2030 zu entwickeln. Das sind wir unseren Mitarbeitern schuldig, vor allem aber unseren Kindern und Enkelkindern." Ein Abwarten, was die Zukunft denn bringt, dürfe es nicht geben, sagte Leicht. Für die HanseBelt Region nannte Leicht besonders wichtige Handlungsfelder für die Zukunft: gute Infrastruktur, starke und erfolgreiche Zukunftsbranchen wie erneuerbare Energien, Ernährungswirtschaft, Medizintechnik, Logistik und Tourismus, ein weltoffenes, modernes Lebensumfeld und optimale Bildungsstrukturen. In diesem Zusammenhang appellierte der Präses an die Landesregierung: "Pflegt das Kapital der Zukunft, kürzt nicht bei Bildung und Wissenschaft. Tretet auf die Ausgabenbremse, aber mit offenen Augen!"
Gemeinsames Ziel von Wirtschaft und Politik im HanseBelt müsse es sein, die Region Lübeck als einen international führenden Standort für Medizin, Medizintechnik und Gesundheitswirtschaft zu entwickeln. Um die von der Wirtschaft benötigten Fachkräfte zu entwickeln und zu halten, habe die IHK zu Lübeck gemeinsam mit Partnern und dem Verein HanseBelt Fach- und Führungskräfte-Initiativen ins Leben gerufen. "Wir erarbeiten speziell für die kleineren und mittleren Unternehmen ein Traineeprogramm, mit dem sie Hochschulabsolventen integrieren und fördern können", so Leicht. Der Kampf gegen den Fachkräftemangel erfordere es zudem, bisher wenig genutzte Potenziale zu erschließen: Leistungsschwache, Ältere, Mütter, die aus der Familienphase ins Berufsleben zurückkehren, Migranten und Fachkräfte aus dem Ausland.
Die Impulse aus dem Bau der Beltquerung würden die wirtschaftliche Entwicklung nicht nur im HanseBelt befördern. "Wir haben die Chance, ganz Schleswig-Holstein als Wirtschaftszentrum einer neuen europäischen Metropolregion zu entwickeln", sagte Leicht. Die Wirtschaft denke und handle schon immer über Grenzen hinweg. Das haben sie erst Anfang Dezember mit der Eröffnung einer gemeinsamen Geschäftsstelle von IHK zu Lübeck und Handelskammer Hamburg in Norderstedt bewiesen. Diesem Meilenstein in der Kammerkooperation sollten zügig Taten in Hamburg und Schleswig-Holstein folgen. "Verschlanken Sie die Prozesse in Bürokratie und Verwaltung, gehen Sie konsequent den Weg für mehr Gemeinsamkeit", rief Leicht den Vertretern beider Landesregierungen zu und lenkte den Blick in das Nachbarland Dänemark, das sich durch zahlreiche Strukturreformen für die Zukunft gerüstet habe.
Das sich seit Jahren verbessernde deutsch-dänische Verhältnis biete große Potenziale, betonte Festredner Per Poulsen-Hansen, Botschafter des Königreichs Dänemark in Berlin. "Momentan geht es Deutschland wirtschaftlich sehr gut, davon profitieren wir auch in Dänemark", sagte er. Die Bundesrepublik sei der wichtigste Handelspartner des Königreichs, das seine Handelsbeziehungen nach Süddeutschland ausdehnen will. Das wiederum komme deutschen Unternehmen zugute, denn Dänemark verfüge über großes Know-how in vielen Bereichen. Die feste Fehmarnbelt-Querung werde diese Entwicklung fördern. Poulsen-Hansen betonte, dass sein Land gute Erfahrungen mit der Öresund- und der Storebelt-Brücke gemacht habe. Daher verfolgten die Dänen die Debatten um das Bauwerk in Deutschland mit großem Interesse. "Wenn die Querung in einigen Jahren steht, wird sie die deutsch-dänischen Beziehungen konkret und nachhaltig beflügeln", sagte der Diplomat. Schon jetzt gebe es Beispiele für gute Zusammenarbeit wie das bei der IHK zu Lübeck angesiedelte Projekt kulturLINK Fehmarnbelt, das das kulturelle Zusammenwachsen der Region auf beiden Seiten des Fehmarnbelts fördern soll.
Wie wichtig diese Kulturbrücke ist, betonte der zweite Festredner, Dr. Christoph Jessen, deutscher Botschafter in Kopenhagen. Er erinnerte an die vielen Jahrhunderte gemeinsamer Geschichte, die Dänemark und Schleswig-Holstein geprägt haben. "Unsere Nachbarn haben ein anderes historisches Gedächtnis als wir. Das hat Auswirkungen bis in die Gegenwart." Allerdings beginne die Skepsis gegenüber Deutschland einem echten Interesse am südlichen Nachbarn zu weichen. Jessen sei der erste deutsche Botschafter, der 146 nach der Niederlage Dänemarks bei den Düppeler Schanzen, die zum Verlust der Herzogtümer Schleswig und Holstein geführt hatten, als geladener Gast an der Gedenkfeier in Düppel teilnehmen durfte. Mehr noch: "Nach langer Unterbrechung beginnt Berlin wieder seinen angestammten Platz einzunehmen, wird erneut zum Bezugspunkt. Wo früher Kirkegaard seine Bücher geschrieben hat, arbeiten heute wieder dänische Künstler."

