. .
Illustration

STANDORTPOLITIK

Jagel Airport: Zukunftschance für die deutsch-dänische Grenzregion

Schon seit einiger Zeit wird über den geplanten Ausbau des Fliegerhorstes Jagel für eine zivilgewerbliche Mitnutzung diskutiert. Im folgenden Beitrag stellt die WIRTSCHAFT das Projekt und seine Initiatoren vor.

Entstanden ist die Idee für eine Mitnutzung des Fliegerhorsts Jagel im zivilgewerblichen Flugverkehr vor gut drei Jahren als Ergebnis eines Brainstormings in der Schleswiger CDU-Mittelstandsvereinigung. Den Ausgangspunkt bildete seinerzeit die Erkenntnis, dass die insgesamt unzureichende Verkehrsinfrastruktur eine wesentliche Ursache für die schwierige wirtschaftliche Situation des Landesteils Schleswig darstellt. Um hier neue Akzente zu setzen, wurde Ende 2003 von sieben Gründungsmitgliedern (Geschäftsleuten und Selbstständigen aus der Region Schleswig) eine kapitalisierte Bürgerinitiative ins Leben gerufen. Aus ihr ging kurz darauf die Projektentwicklungsgesellschaft Airgate SH GmbH & Co.

KG hervor, in der sich mitt lerweile rund 30 Investoren engagieren. „Ziel unserer Initiative war, der Entwicklung des Landesteils Schleswig durch eine zivile Mitnutzung des Fliegerhorstes Jagel neue Impulse zu geben”, erklärt Arne Hansen, kaufmännischer Geschäftsführer und Mitinitiator des Unternehmens. Airgate SH will die Einrichtung eines zivilen Flughafens im nördlichen Schleswig-Holstein nicht als Selbstzweck verstanden wissen. „Uns geht es darum, die Attraktivität der Region als Wirtschaftsstandort durch Schaffung einer leistungsfähigen Verkehrsdrehscheibe nachhaltig zu stärken”, betont Hansen. In diesem Bestreben ist Airgate SH inzwischen ein gutes Stück vorangekommen. Mit Dietrich Wachtel konnte als technischer Geschäftsführer ein Branchenkenner gewonnen werden, der über langjährige Erfahrung in der gewerblichen Luftfahrt verfügt. Bereits im Sommer vergangenen Jahres stimmte das Bundesministerium für Verteidigung einer zivilen Mitbenutzung des Fliegerhorstes Jagel zu, ein entsprechender Vorvertrag wurde im Oktober 2005 unterzeichnet. Im Verlauf des letzten Jahres haben auch die umliegenden Ämter und Gemeindevertretungen sowie der Hauptausschuss des Kreises Schleswig-Flensburg ihre Zustimmung zum Projekt gegeben. Steuermittel werden für das Flughafenprojekt nicht aufgebracht werden müssen: Jagel Airport ist ein rein privat finanziertes Investitionsvorhaben.

Günstig gelegener Standort
An der Eignung Jagels für gewerblichen Flugverkehr hat Airgate SH-Geschäftsführer Dietrich Wachtel keine Zweifel: „Der NATO-Fliegerhorst verfügt über eine gut ausgebaute luftseitige Infrastruktur”, erklärt der erfahrene Pilot. Hochwertige Flugbetriebsflächen sind ebenso vorhanden wie Flugsicherung, Flugwetterdienst, Flughafenfeuerwehr und moderne Geräte für den Bodenbetrieb. Noch wichtiger erscheint Wachtel jedoch die Lage des Fliegerhorsts: „Eine aus sich heraus so günstige Anbindung finden Sie äußerst selten. Die Eisenbahnstrecke Hamburg-Dänemark und die A7 laufen wenige Kilometer östlich am Fliegerhorst vorbei, die B77 grenzt direkt an. Eine solche Verkehrsanbindung muss andernorts erst mit großem Investitionsaufwand geschaffen werden”. Die günstige Lage würde, sollte sich Jagel als Zivilflughafen gut entwickeln, zu einem späteren Zeitpunkt auch den Bau eines Flughafenbahnhofs ermöglichen.

Luftseitig verfügt der gut 600 ha große NATO-Fliegerhorst Jagel über zwei Runways mit einer Länge von 3.000 bzw. 2.600 m inkl. beiderseitigen Overruns (die kürzere Startbahn ist derzeit außer Betrieb). Für den zivilen Flugbetrieb würde bis auf weiteres ausschließlich der 3.000 m lange Runway genutzt. Diese Startbahnlänge ermöglicht einen Flugbetrieb mit allen mittelgroßen Verkehrsflugzeugtypen (zum Beispiel Airbus A320 oder Boeing B737). Gegenwärtig sind in Jagel zwei Tornado-Staffeln des AG 51 der Luftwaffe stationiert, die Auflösung einer dieser Staffeln ist jedoch bereits absehbar.Für 2008 hat das Bundesverteidigungsministerium die Zustationierung von unbemannten Aufklärungsdrohnen angekündigt, der Bestand des Militärfliegerhorsts Jagel gilt damit als langfristig gesichert. Ausgelastet ist die Anlage durch militärische Flugbewegungen allerdings bei weitem nicht, zumal einige der in Jagel stationierten Tornados in Bundeswehr-Auslandseinsätzen gebunden sind. Das Bundesverteidigungsministerium hat an einer zivilen Mitnutzung daher großes Interesse. Die Doppelnutzung würde wirtschaftliche Synergien erzeugen und zu einer Betriebskostenreduktion sowohl für den zivilen als auch den militärischen Betreiber führen. „Hausherr” in Jagel bleibt auf jeden Fall auch zukünftig die Bundeswehr, eine Umwandlung in einen militärisch mitgenutzten Zivilflughafen (wie zum Beispiel Kiel-Holtenau) steht nicht zur Debatte.

Potenzialanalyse: Grenzüberschreitender Einzugsbereich
Im Auftrag der Airgate SH GmbH & Co. KG hat die Universität Flensburg im Frühjahr eine Potenzialanalyse für den Flughafen Jagel erarbeitet. Dabei wurden innerhalb einer 60-Minuten-Fahrzeitzone rund um Jagel 1.000 Einwohner, 250 Unternehmen sowie 120 Reisebüros repräsentativ ausgewählt und zu ihren Erwartungen und Einschätzungen bezüglich eines neu einzurichtenden Flughafens befragt. Das Internationale Institut für Management der Universität Flensburg arbeitete dazu mit dem Marktforschungsinstitut TNS EMNID zusammen. Mike Friedrichsen, Professor für Medienmanagement und Leiter des Projekts, erkennt im Ergebnis ausreichendes Potenzial für einen profitablen Flughafenbetrieb in Jagel. Er rechnet allerdings mit einer gewissen Anlaufphase, da der Flughafen überregional derzeit noch kaum bekannt ist. Für den Auf- und Ausbau weiteren Kundenpotenzials auch aus der Region Süddänemark ist ein intensives, zielgruppenorientiertes Marketing erforderlich. Insgesamt stieß die Universität Flensburg bei ihren Befragungen auf hohes Interesse an Jagel als Alternative zu etablierten Flughäfen wie etwa Hamburg. Vor allem die gute Verkehrsanbindung wurde von vielen Befragten als Vorteil gesehen – 60 Prozent aller Schleswig- Holsteiner können Jagel in maximal 60 Minuten erreichen. Haupterfolgsfaktor für den neu einzurichtenden Flughafen könnte nach Einschätzung von Prof. Friedrichsen zunächst vor allem der so genannte Outgoing-Tourismus, Charterflugverkehr in Urlaubsregionen, werden. Linienflugverkehre hätten demgegenüber geringere Bedeutung, auch in diesem Bereich besteht für Jagel jedoch Potenzial – zum Beispiel als Drehscheibe im wachsenden Verkehr in die baltischen Staaten. Konkret prognostiziert die Universität Flensburg in ihrem Gutachten für das erste Jahr nach Inbetriebnahme des Airports Jagel eine mögliche Frequentierung von rund 230.000 Charter- und 18.000 Linienfluggästen. Die im ersten Betriebsjahr konkret erwartete Passagierzahl liegt bei insgesamt ca. 100.000. Für die Folgejahre wird mit deutlichen Zuwächsen gerechnet; im vierten Jahr könnte ein Volumen von circa 430.000 Charterfluggästen und 40.000 Linienpassagieren erreicht werden. Neben Norddeutschland stellt das südliche Dänemark einen wichtigen Quellenmarkt dar. Bereits heute reisen jährlich rund 12.000 dänische Fluggäste nach Hamburg an, um von dort aus ihren Flug anzutreten. Dieses Potenzial könnte Jagel Airport weitgehend abschöpfen. Grenzüberschreitend leben insgesamt 1,8 Mio. Menschen in einer 60-Minuten-Isochrone rund um den Flughafen.

Inbetriebnahme für Mitte 2008 geplant
Basierend auf den Empfehlungen der Potenzialanalyse hat Airgate SH im Sommer 2006 Gespräche mit verschiedenen Fluglinien geführt und ist dabei, so bestätigen die beiden Geschäftsführer, auf eine sehr positive Resonanz gestoßen. Neben etablierten Airlines zeigen auch kleinere Fluggesellschaften und Nischenanbieter Interesse an Jagel – sowohl im Chaterbereich als auch Linienflug - und Geschäftsreiseverkehr. Airgate SH hofft, den zivil-gewerblichen Luftverkehr bereits zum Sommer 2008 aufnehmen zu können. Insgesamt rechnet das Unternehmen mit einem Investitionsbedarf von etwa 62 Millionen Euro für die dazu erforderliche Infrastruktur. Gut 12 Millionen Euro sollen durch den Verkauf von KG-Anteilen vorwiegend im Norden Schleswig-Holsteins finanziert werden, nicht zuletzt, um dem Projekt regionalen Rückhalt zu geben. Die verbleibenden rund 50 Millionen Euro will Airgate SH über Treuhand- und Konsortialdarlehen von einem oder zwei Investoren außerhalb der Region finanzieren.

Das Unternehmen hat nach Aussage seiner Geschäftsführer verschiedene Interessenten finden können, die sich mit dem Zielportfolio des Projekts identifizieren (Belebung des regionalen Wirtschaftslebens zusätzlich zu Renditezielen) und zu einer Beteiligung entschlossen sind. Abschließende Gespräche mit diesen potenziellen Investoren dauern derzeit noch an. Eine direkte Förderung ihres Projekts aus öffentlichen Mitteln strebt Airgate SH nicht an – auch, um größtmögliche Flexibilität bei der Projektumsetzung zu behalten. Die Planungen für notwendige Infrastrukturmaßnahmen in Jagel hat das Unternehmen bereits weitgehend fertig gestellt. Direkt an der B77 stehen rund 40 ha Betriebsfläche für ausschließlich zivile Nutzung zur Verfügung. Vorgesehen ist der Bau eines 20.000 qm großen Vorfelds mit Kapazität für bis zu vier Flugzeuge, außerdem die Errichtung eines knapp 15.000 Quadratmeter großen Terminals mit einem Durchsatz zunächst maximal 600 Fluggästen/h sowie die Erschließung von weiteren gut 36.000 Quadratmeter Außenfläche mit 950 Parkplätzen. Das Gesamtinvestitionsvolumen für diese „landseitigen” Baumaßnahmen kalkuliert Airgate SH auf knapp 36 Millionen Euro. Weitere gut 26 Millionen Euro müssten in die luftseitige Infrastruktur investiert werden, zum Beispiel in eine Anpassung der Flugbetriebsflächen, die Vorfeld-Infrastruktur und zusätzliche Anflughilfen. Bei ihren Planungen arbeitet Airgate SH mit einem spezialisierten Ingenieurbüro zusammen, das zahlreiche Referenzprojekte auf internationalen Großflughäfen vorweisen kann. Jagel Airport soll mit zunächst nur drei Ankunfts- und drei Abfluggates ein „Flughafen der kurzen Wege” mit hohem Serviceniveau werden. Dietrich Wachtel sieht noch einen weiteren Wettbewerbsvorteil: „Durch die relativ kleine Anlage und die Schaffung neuer, nach modernsten Gesichtspunkten konzipierter Terminal-Infrastruktur können wir unseren Kunden ein Höchstmaß an Sicherheit garantieren”. Bestandteil des von Airgate SH erarbeiteten Planungskonzepts ist neben der Schaffung notwendiger Flughafeninfrastruktur auch die Erschließung eines interkommunalen Gewerbegebiets östlich der B 77 direkt gegenüber dem Terminal. Ein solches flughafennahes Gewerbegebiet würde wesentlich dazu beitragen, dass Jagel Airport sein eigentliches Ziel erreichen kann: Der Region Schleswig wirtschaftlichen Auftrieb zu geben.

Frederik Naumann

 
 

DOKUMENT-NR. 7308

Logo_FL_Akkordeon_261x100

Zur regionalen Startseite der IHK Flensburg

Logo_KI_Akkordeon_261x100

Zur regionalen Startseite der IHK zu Kiel

Logo_HL_Akkordeon_261x100

Zur regionalen Startseite der IHK zu Lübeck

IHK Flensburg
Heinrichstr. 28-34, 24937 Flensburg
Telefon: 0461 806-806
Fax: 0461 806-9806
E-Mail: service@flensburg.ihk.de
Geschäftsstellen, Anfahrt, Öffnungszeiten
IHK zu Kiel
Bergstraße 2, 24103 Kiel
Telefon: 0431 5194-0
Fax: 0431 5194-234
E-Mail: ihk@kiel.ihk.de
Geschäftsstellen, Anfahrt, Öffnungszeiten
IHK zu Lübeck
Fackenburger Allee 2, 23554 Lübeck
Telefon: 0451 6006-0
Fax: 0451 6006-999
E-Mail: service@ihk-luebeck.de
Geschäftsstellen, Anfahrt, Öffnungszeiten

  • GUTACHTEN - FEHMARNBELT-QUERUNG

Coverausschnitt Gutachten © Hanseatic Transport Consultancy Zoom

Entwicklung der Verkehrsinfrastruktur auf der Achse Hamburg-Puttgarden im Zuge einer festen Fehmarnbelt-Querung - das Gutachten als PDF