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Kaum ein Berufspendler der argentinischen Elf-Millionenstadt Buenos Aires wird wissen, dass der Papier-Grundstoff seines Metro-Tickets am Flensburger Hafen angeliefert wird. Auch vermutet das Flensburger Touristenpaar beim Besteigen seiner türkischen Fähre nicht, dass die letzte Schweißnaht des Schiffes in seiner Heimatstadt geschlossen wurde.
Der Flensburger Hafen hat sich seit seiner Zeit als Drehscheibe für Rum-Transporte deutlich gewandelt – und ist doch ebenso interessant geblieben.
Schiffsmakler Jürgen F. Jensen aus Flensburg, Geschäftsführer des Unternehmens Christian Jürgensen und Brink & Wölffel Schiffsmakler & Umschlags GmbH, kennt die Leistungsfähigkeit des Hafens aus seiner täglichen Arbeit. So ist für ihn auch der Transport des über 500 Tonnen schweren Deckshauses einer Hochsee-Fähre nur eine Operation unter vielen. „Der letzte Transportweg im Hafen geht über keine wirklich weite Strecke: Vom Verladungskai hinüber auf die andere Fördeseite. Natürlich wird trotzdem jeder Arbeitsschritt minutiös geplant. Das ist bei einer solchen Aktion einfach unverzichtbar”, sagt er und beobachtet das Ablegen der schweren Fracht.
Aus seinem Büro geht der Blick hinaus auf den Hafen Flensburgs mit seinen Kaianlagen und Verladekränen. Auf der Förde liegt heute böiger Wind mit vier bis fünf Windstärken. Das Deckshaus ist nun schon auf halbem Weg zu seinem Bestimmungsort, der Flensburger Schiffbau-Gesellschaft mbH & Co. KG (FSG). FSG ist durch seine Lieferanten und Subunternehmer fest in das Umland eingebunden: Die Infrastruktur reicht mit ihren Zulieferbetrieben und Produktionsstätten achtzig bis hundert Kilometer ins Umland hinein. „Unser Geschäft hier strahlt sternförmig in die Region aus, das geht im Norden bis weit hinein nach Dänemark,” sagt Jensen, während das Spezialschiff Kurs Richtung Werft nimmt.
Flensburger Hafen: Für viele Unternehmen der Region wichtig, für einige sogar unverzichtbar
An einem anderen Produktionsstandort in Flensburg verarbeitet die Mitsubishi HiTec Paper Flensburg GmbH Zellulose zu modernem Spezialpapier. Dieses so genannte Thermopapier wird dann weltweit vertrieben und als robuster und flexibel einsetzbarer
Generalist eingesetzt. Ob nun in einer südamerikanischen Millionenstadt oder als Selbstklebeetikett auf Orangen im Supermarkt – Thermopapiere sind aus dem Alltag nicht mehr wegzudenken. Den Grundstoff für die Produktion dieser Papiere, die Zellulose, bezieht das Unternehmen direkt über den Flensburger Hafen. "Zellstoff kaufen wir in Skandinavien und Brasilien, über den Hafen bleiben wir mit unseren Lieferanten im Norden verbunden", so Martin Klingenschmied, globaler Vertriebsleiter des Unternehmens im Gespräch mit der "Wirtschaft". Die unterschiedlichen Fasern werden dann auf dem Produktionsgelände vermengt und weiterverarbeitet, je nach Eignung und Produktanforderung.
Jedes Besucherticket für Spiele der Fußball- Weltmeisterschaft wurde auf dem Papier des Unternehmens gedruckt. Aber auch viele Tickets für Systeme des öffentlichen Transports oder die Rollen für Endlos-Papier an medizinischen Gerätschaften. "Die Zukunft liegt in der Verbindung moderner Thermopapiere mit elektronischen Chips, RFID beispielsweise", so Klingenschmied. Er betont auch, dass die regelmäßige Anlieferung von Zellulose über den Flensburger Hafen die dazu notwendigen Grundstoffe liefert.
Ein anderes, direkt mit dem Flensburger Hafen verbundenes Unternehmen ist die Stadtwerke Flensburg GmbH. In den Geschäftsbereichen Elektrizitäts- und Fernwärmeversorgung, Industriegas- und Wasserversorgung arbeiten dort über 550 Menschen. Sechzig Auszubildende lernen beispielsweise in den Fachrichtungen Industriemechaniker, KFZ-Elektroniker, Chemielaborant oder Industriekaufmann ihren zukünftigen Beruf. Mehr als 20 Millionen Euro investieren die Stadtwerke Flensburg in den nächsten beiden Jahren in moderne Technologien zur Energieerzeugung.
Mit einer Bilanzsumme von fast 154 Millionen Euro zählt das Unternehmen, eine hundertprozentige Tochter der Stadt Flensburg, zu den wichtigsten und größten Arbeitgebern der Region. "Der Hafen ist für uns überlebenswichtig. So erhalten wir zum Beispiel die Kohle für unser Kraftwerk ausschließlich auf dem Seeweg. Wir importieren pro Jahr ungefähr 350.000 Tonnen davon aus den baltischen Ländern und Südamerika", so Colin Wulf, Leiter Vertrieb und Marketing.
Auch das Mischfutterwerk der Raiffeisen-Hauptgenossenschaft, bezieht seine Lieferungen über den Flensburger Hafen, ebenso wie kleine und mittelständische Betriebe, die ihr Stückgut auf dem Wasserwege empfangen.
Maritime Wirtschaft weltweit mit deutlichem Rückenwind
Der Flensburger Hafen ist Teil eines Wirtschaftszweiges, der maritimen Wirtschaft, in dem fast neun Prozent des schleswig-holsteinischen Bruttosozialproduktes erwirtschaftet werden.
346 Schiffe liefen ihn im Jahr 2005 an, das entspricht einem Zuwachs von neunzehn Prozent gegenüber dem Vorjahr. Der Güterumschlag wuchs in diesem Zeitraum um neun Prozent auf 563.903 Tonnen. Mit seinen Zuwachsraten bewegt er sich im Gleichklang mit den weltweiten Entwicklungen: Der Handel mit Gütern jeglicher Art weist seit Jahren erhebliche Steigerungsraten auf und wird zu 90 Prozent auf den Schifffahrtswegen betrieben.
Von beiden Fördeseiten her nutzbar, dient der der Flensburger Hafen einer Vielzahl wirtschaftlicher und kultureller Aktivitäten. Rainer Prüß, Geschäftsführer der RAINER PRÜSS Wirtschafts- und Kulturkonzepte GmbH + Co. KG, verdeutlicht im „Wirtschaft”-Gespräch dessen Aufteilung mit Hilfe eines gedachten und über den gesamten Hafen gelegten horizontalen Kreises: „Stellen Sie sich einen geviertelten Kreis vor, vier einzelne Felder entstehen. Die senkrechte Linie von Hafenspitze bis Hafenausgang teilt jeweils in West- und Ostseite des Hafens Und eine quer auf halber Höhe teilt dann den Nord- und Südhafen.”
Vogelperspektive zeigt wirtschaftliche Mischnutzung
In diesen einzelnen Sektoren sind dann seiner Meinung nach unterschiedliche Schwerpunkte der Hafennutzung angesiedelt. So sei der nördliche Teil des Hafens durch überwiegend gewerbliche Nutzung gekennzeichnet und werde auf der östlichen Fördeseite durch den Handelshafen, für die Lagerung von Schütt- und Stückgut, den Kranbetrieb, die Lagerei und den derzeitigen Kreuzfahrerkai genutzt. Den gegenüberliegenden Teil des nördlichen Hafenteils belegten eine große Werft, die Stadtwerke und weitere Produktionsbetriebe. In der unteren oder südlichen Hälfte dieses gedachten Kreises werde der Hafen durch die touristische und freizeitnahe Wirtschaft genutzt. Hier findet sich der „Historische Hafen” mit seiner gewachsenen Bebauung an der Hafenfront, der Klassiker- und Dampfer- Sammlung, einer Museumswerft, aber auch der Fördeschifffahrt, die seit kurzem auch wieder Dänemark im Routenbetrieb ansteuert. In diesem südlichen Teil des Hafens, auf der Ostseite, liegt auch eine moderne Yachtmarina mit Gastronomie, Galerien und Ladengeschäften.
Gewachsene Strukturen neben modernen Nutzungsprojekten
Der Flensburger Hafen ist also wirtschaftlich betrachtet ein Flickenteppich, auf dem sich aus größerer Entfernung ein Muster erkennen lässt. So ist er nicht durch seine schiere Größe für die Unternehmen attraktiv oder seine Spezialisierung auf Nischenprodukte, sondern durch die gleichzeitige wirtschaftliche Nutzung durch Industriebetriebe, touristische Wirtschaft und den gewerblichen Handel.
Um diese vielfältige Nutzbarkeit des Hafens auch in den folgenden Jahren zu sichern, hat sich die Industrie- und Handelskammer zu Flensburg beispielsweise auch für die Beibehaltung der bestehenden Betonnung ausgesprochen. So sahen die kritisierten Planungen des Wasser- und Schifffahrtsamtes Lübeck vor, die bestehenden Tonnen zu ersetzen – ein Vorhaben, das nach Einschätzung der IHK auf Kosten der gewerblichen Hafenanrainer verwirklicht worden wäre. "Voraussetzung für ein reibungsloses Funktionieren des Flensburger Hafens ist die Sicherstellung der uneingeschränkten und ungefährdeten seewärtigen Zufahrt", so Ulrich Spitzer, Geschäftsführer Standortpolitik im Gespräch mit der "Wirtschaft".
Der Flensburger Hafen bleibt ein wirtschaftliches Kraftzentrum für die Region und deren Unternehmen, aber auch lohnendes Ausflugsziel für Städtetouristen oder die Bewohner der Stadt. Im Sommer zeigten die vielfältigen Großveranstaltungen wie die Präsentation der WM-Spiele auf einem schwimmenden Würfel oder die feierliche Begrüßung eines der modernsten Kreuzfahrtschiffe, dass sich der Hafen aktuellen Trends anpasst und auch in den kommenden Jahren die wirtschaftliche Entwicklung der Region maßgeblich trägt.
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Entwicklung der Verkehrsinfrastruktur auf der Achse Hamburg-Puttgarden im Zuge einer festen Fehmarnbelt-Querung - das Gutachten als PDF
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